Schneller Hase beim Düsseldorf Marathon

Wenn an einem Sonntag um 06:00 Uhr morgens der Wecker klingelt, muss irgend etwas falsch gelaufen sein ... oder man muss selber laufen.

Bei mir war es am vergangenen Sonntag die zweite Alternative, die mich aus den Federn trieb. Wobei ich mir beim Zähneputzen die Frage stellte, ob mit mir grundsätzlich nicht auch irgend etwas falsch gelaufen war.

Warum quälte ich mich am Sonntag Morgen wegen eines Laufes aus dem Bett? Eine Frage, die ich auch häufig von meiner Frau gestellt bekam. Diese Woche hatte ich aber wenigstens eine bessere Antwort als die lapidare Erwiderung, ich müsse eben mal ein langes Läufchen machen.

An diesem Sonntag stand nämlich nicht nur eine einfache Langlauf-Trainingseinheit an. Es war der Tag des Metrogroup Marathon. Und ich hatte mich bei den Veranstaltern als Brems- und Zugläufer für eine Zielzeit von drei Stunden und dreißig Minuten verdingt. Ich würde also als Tempomacher fungieren, der die gesamten 42,195 km mit einer Geschwindigkeit von knapp unter 5 Minuten je Kilometer laufen musste. Drei Stunden und dreißig Minuten war eine Zeit, die ich glaubte, nach über zwanzig absolvierten Marathonläufen laufen zu können, ohne mich dabei komplett verausgaben zu müssen. Mit Grenzerfahrungen hatte ich nämlich in den vergangenen Jahren genug Erfahrungen machen müssen. Bei meinen verzweifelten Versuchen, noch einmal bei einem Marathon die magische Drei-Stunden-Grenze zu unterqueren, war ich wiederholt mit multiplen Krämpfen im Sanitätszelt geendet. Meine Frau zeigte mir daher irgendwann den Vogel und die rote Karte. Ab diesem Zeitpunkt nahm ich das Tempo beim Laufen deutlich raus und Marathonläufe und andere Wettkämpfe wurden mit gebremstem Schaum absolviert. Nachzulesen ist dies – und viele andere skurrile Anekdoten um mein patholgisches Verhältnis zum Laufsport – in meinem zweiten Buch Tempo Raus – Langsam reicht mir, das unter dem Pseudonym Knut Knieping in diesem Frühjahr im Sportwelt Verlag erschienen ist.

So stand ich am Sonntagmorgen um kurz vor neun im dritten Startblock neben vielen anderen nervös mit den Hufen scharrenden Mitstreitern. Diese hatten jedoch im Gegensatz zu mir nicht zwei Luftballons im Schlepptau, auf denen die Zielzeit markiert war. Ich erwartete jeden Augenblick, dass mich ein am Rand des Startblocks stehendes Kind fragen würde, was denn die Ballons kosteten. Stattdessen wurden andere Fragen an mich gerichtet. "Läufst du konstant einen 5er-Schnitt?" – "Machst Du das zum ersten Mal" – "Können wir uns auf Dich verlassen?" Auch wenn ich alle Fragen bejahte, wurde mir doch ein bisschen mulmig. So ein Gefühl, das sich eben manchmal einstellt, wenn man eine besondere Verantwortung hat. Wenigstens war ich nicht der einzige Ballonträger. Drei weitere Läufer teilten sich mit mir den Job des Hasen.

Und dann ging es auf die Piste. Zwanzig Sekunden nach dem Startschuss und den Topläufern liefen wir über die Startmatten. Ab jetzt galt es die Zeit zu nehmen – und dann auch ständig zu halten. Ich zügelte das immer am Anfang bestehende Verlangen, wie ein Derwisch loszujagen. Völker, zügelt die Endorphine! Die erste Kilometermarkierung kam dennoch rasch in den Blick. 04 Minuten 55 Sekunden. Kurzer Blickkontakt mit den anderen Hasen. Wir mussten ein wenig vom Tempo runter. Gesagt, gelaufen! Rheinpark, Messe, Stockum, wieder Rheinpark, Hofgarten und dann über den Rhein nach Oberkassel. Alles wurde im konstanten 5-Minuten-Schnitt absolviert. Im Flow ging es über die Luegallee, nur unterbrochen von den staunenden Blicken auf die Gegengerade, wo das Führungsquartett dahinschoss, in einer völlig anderen Tempogalaxie von knapp über drei Minuten je Kilometer.
 
Immer wieder freute ich mich mit den Mitläufern über einige Stimmungshochburgen, leider allzu oft unterbrochen von langen Streckenabschnitten, auf denen Zuschauer nur Randerscheinungen waren. Wir drehten die große Linksrhein-Kurve über den Seestern, Lörick und Niederkassel, unterquerten die Oberkasseler Brücke und steuerten sie ein zweites Mal über die Luegallee an, erhielten beim erneuten Brückenanstieg einen Megaschub durch das eng stehende Menschenspalier (fast wie bei einer Bergankunft in Alpe d`Huez) und nahmen ein erstes Mal Anlauf auf die Kö. Dann passierten wir die Halbmarathonmarke. 01:45:20 ließ die große Digitalanzeige uns wissen. Netto waren wir also voll im Plan. 
 
Der 03:30-Zug bahnte sich mit konstantem Tempo seinen Weg nach Derendorf. Bei Kilometer 24 sah ich wieder meine Frau und meine 9-jährige Tochter, die an diesem Tag mit dem Rad wahrscheinlich auch eine Marathondistanz gefahren waren, um mich an verschiedenen Streckenpunkten anzufeuern. An der Roßstraße standen sie in einem großen Pulk von anderen befreundeten Unterstützern der Tempomacheraktion. Immer wieder wurden uns Hände zum Abklatschen entgegen gestreckt. Motivation, die sehr wichtig war, denn der Mann mit dem Hammer hatte sich langsam unter das Läufervolk gemischt. Hier und da waren leider die üblichen Ausfälle zu Beginn des dritten Drittels eines Marathons zu beobachten. Dankenswerterweise blieb ich von der Konfrontation mit dem unliebsamen Gesellen, der sich sehr oft bei der Umstellung der Kohlenhydratversorgung auf den Fettstoffechsel zeigt, verschont.
 
Bombenstimmung und viele pushende Zurufe ("Go, Knut, go") auf der Fritz-Wüst- und der Sohnstrasse. Mittlerweile wussten auch die Läufer um mich herum, was es mit diesem "Knut" denn auf sich hat. Auch am Brehmplatz und der Rethelstraße holte ein großes Stimmungsnest noch einmal viele aus der "30 km"-Depression heraus. Zurück in der Innenstadt dünnte sich das Feld um mich herum weiter aus. Wir kurvten über die Berliner Allee langsam nach Bilk, an der Bilker Kirche leuchtete die 37 km-Markierung auf und auch ich schlug drei Kreuze. Denn langsam wurde es auch bei mir harzig. 42,195 Kilometer sind immer ein ordentlicher Happen. Ich hielt trotzdem die Pace durch den Medienhafen, ließ die Gehry-Bauten links liegen, gab mir noch einmal an einem der super organisierten Getränkestände den Iso-Schuss (zur Hälfte in den Magen, zur Hälfte über das Trikot), rannte weiter über den Schwanenspiegel zur Kö, war dort ein weiteres Mal erstaunt über die - vorsichtig gesagt - verbesserungsfähige Stimmung, pfiff drauf und nahm die letzte Meile über die Haroldstrasse Richtung Zieleinlauf an den Kasematten. Ich genoss noch ein letztes Mal die Anfeuerung meiner Familie und von den Zuschauern auf der Rheinwerft und nahm den Zielbogen ins Visier. Als ich 50 Meter vor dem Ziel auf der großen Anzeige über dem Einlaufbogen die 03:29:irgendwas aufleuchten sah, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Punktlandung. Ohne (na ja, nicht ganz ohne) Schmerz und (wirklich) ohne Krampf, dafür aber mit vielen herzlichen "Danke schön" von glücklichen Sub-03:30-Finishern!
 
Wer weiß? Vielleicht stehe ich auch nächstes Jahr an einem Sonntag Ende April um 6 Uhr auf?
 
Christoph Adamski



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Kommentare: 1
  • #1

    Friedo (Dienstag, 28 April 2015 10:13)

    Habe ich auch von meinem Schwiegersohn nicht anders erwartet. Mal wieder eine Punktlandung.
    Wenn ich nicht so alt wäre, würde ich mich in Knut's Trainingslager begeben.
    Weiter so Knut.