Bis die Lunge platzt - eine kleine Radgeschichte

(c) fahrradmonteur.de
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Die Pflege von Fahrrädern gehörte früher nicht gerade zu meinen Leidenschaften. Insgesamt konnte mein Verhältnis zu Fahrrädern in Sachen Wartung mit Hängen und Würgen mal eben als suboptimal bezeichnet werden. Das Teil musste fahren, der Rest war mir ehrlicherweise egal. Hauptsache zwei Pedale, eine Kette, Sattel, Lenker und zwei Räder. Mehr habe ich nicht wirklich benötigt, um mich schnell fortzubewegen.

Neben der fehlenden Pflege hatte ich bei mir bekannten Leuten einen nicht gerade schmeichelhaften Ruf: Räder, die er nur anschaut, gehen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon allein davon kaputt oder verschwinden. Soll heißen: Borge dein Fahrrad wem du willst, aber nicht ihm.

Ein Umstand, der, wie man sich vorstellen kann, nicht gerade Begeisterungsstürme bei mir auslöste. Neben zwei linken Pfoten, die ich großzügig in die Wiege gelegt bekam, verschwanden meine Fahrräder regelmäßig ohne Chance auf Wiederkehr. Um es vorsichtig auszudrücken, Fahrräder wurden von mir käuflich erworben, um später auf nicht ganz legalem Weg einem anderen Menschen Freude zu bereiten. Also war ich schon ab und an auf Vaters oder Mutters Fahrrad angewiesen. Aber genau da kam wieder der negative Ruf ins Spiel. Jedes Fahrrad wird in die Knie gezwungen oder wird ihm geklaut. Und ich bin ehrlich, es war tatsächlich so. Irgendein böser Geist hat da von oben sein Unwesen getrieben, ich konnte einfach nichts dafür. Anständig wie ich war, fuhr ich immer vorschriftsmäßig und ordentlich. Warum die Dinger unter mir stetig zusammenbrachen, ist mir bis heute vollkommen schleierhaft.

Mutters Fahrrad

(c) Sir James, wikipedia.org
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Mutters Fahrrad musste immer mal wieder herhalten, und sie borgte mir, wenn auch sichtlich nicht mit großer Begeisterung, aus Mitleid ihr Rad. Dies bereute sie meist schon am Abend, wenn ich ihr beichten musste, dass die Kette aus Altersgründen ihren Geist aufgegeben hatte, die Bremse verschleißbedingt nicht mehr funktionierte oder mir der Schlauch um die Ohren geflogen war. Und ich schwöre es: Ich habe nichts anders gemacht als andere, maximal bin ich etwas schneller gefahren. Aber langsam und Fahrrad geht bei mir auch heute noch nicht zusammen. Ach, bringen wir es auf den Punkt: Jede Tour mit dem Rad war für mich als Steppke ein Radrennen. Immer volle Pulle ohne Rücksicht auf Verluste. Wer bremst, verliert. Mit diesem System konnte ich bei meinem Opa sogar Geld verdienen.

„Junge, kannste mal für Opa was aus dem Konsum (so hießen kleine Geschäfte zu Zeiten der DDR) holen? Ich brauche es aber schnell. Wenn Du in 15 Minuten wieder hier bist, gibt es eine Mark.“ Und eine DDR-Mark war sehr viel Geld. Schließlich bekam ich dafür 20 Brötchen oder zwei Limonaden oder 5 Pfannkuchen. Oder 4 Eintrittskarten für den heimischen Fußballverein, der in der DDR-Liga kickte. Also ein wahres Vermögen. Und da lohnte es sich natürlich, Gas zu geben und das eine oder andere Verkehrsschild zu übersehen. Ich fuhr, bis mir Lungen zu platzen drohten. Egal was passiert, die 15 Minuten mussten geschafft werden. Und der Ehrgeiz trieb seltsame Blüten. So lautete meine Rechnung, wenn ich es in 10 Minuten schaffe, dann könnte es von Opa noch einen Bonus geben. Dieses Massaker war für Mutters Fahrrad manchmal zu hart. Ich hatte meine Mark, mit Bonus sogar zwei DDR-Mark und meine Mutter ein Fahrrad, welches für einen halben Monatslohn wieder zur Reparatur musste.

Welche Raderfahrungen aus früheren Tagen habt Ihr?


Text von Heiko Wache, www.laufen-total.de

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