Betrachtungen zum Nike Oregon Project in den Jahren 2012–2015

von Torsten Walter

2012, das Erscheinungsjahr von Alberto Salazars Buch „14 Minuten – Leben, Tod und Wiederauferstehung einer Lauflegende“, ist den meisten Lesern sicherlich vor allem wegen der Olympischen Spiele von London in Erinnerung, als alle Sportbegeisterten gebannt auf die britische Hauptstadt sahen und die phänomenalen Leistungen der Athleten aus aller Welt bewunderten – auch die von 5.000- und (!) 10.000-Meter-Olympiasieger Mo Farah und Galen Rupp (Silber über 10.000 Meter) – die Vorzeigeathleten aus dem Oregon Project Team von Alberto Salazar. Leider haben sich im Weltmeisterschaftsjahr 2015 durch Doping-Gerüchte und -Andeutungen Schatten über die glänzenden Erfolge des Teams gelegt.


Doch der Reihe nach. Hier einige Worte zu den bekanntesten und erfolgreichsten Athleten des Oregon Project und ihren Leistungen in den letzten Jahren:


Galen Rupp ist heute 29, kam 2004 zum Oregon Project, ist seit 2010 mit Keara geb. Sammons verheiratet, die ihrerseits auf Erfolge in der Laufszene Oregons verweisen kann, und hat seine fulminante Karriere fortgesetzt, z.B. mit seinen 26:44:36 min über 10.000 Meter 2014 in Eugene, Oregon, USA, womit er sich seinen eigenen US-Rekord von 2011 zurückholte und aktuell weltweit der schnellste nicht-afrikanische Läufer über diese Strecke ist. Auch auf der Halbmarathonstrecke hat er eine Top-Zeit vorzuweisen: 1:00:30 Stunden beim New York City Half Marathon 2011. Galen und Keara haben einjährige Zwillinge und ihren Hauptwohnsitz in Portland, Oregon.


Mohamed „Mo“ Farah ist einen Tick älter (32), aber mit 26:46:57 min noch fast genauso schnell und mit seiner unwiderstehlich schnellen Schlussrunde von manchmal unter 52 Sekunden nahezu unschlagbar. Mit seinem Doppelolympiasieg und bislang fünf Welt- und fünf Europameistertitel auf der Bahn ist der ursprünglich aus Somalia stammende Brite einer der meistgeehrten Leichtathleten aller Zeiten! Inzwischen hat er sich auch erfolgreich auf der Halbmarathon-Distanz und auf der vollen Marathonstrecke versucht (2011 beim New-York-City-Halbmarathon: 1:00:23 Stunden, und 2014 beim London Marathon: 2:08:21 Stunden, also auf die Minute die gleiche Zeit wie sein Trainer genau 30 Jahre zuvor in New York). Mo hat mit seiner Frau Tania geb. Nell zwei Zwillingsmädchen und eine Stieftochter; die Familie lebt ebenfalls in Portland.


Im Herbst 2012 schloss sich die Mittelstrecklerin Mary Cain aus New York Albertos Trainingsgruppe an. Bei der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau qualifizierte sich mit 17 (!) Jahren für das Finale über 1.500 Meter und war damit die jüngste Athletin, der das in der Geschichte der Weltmeisterschaften jemals gelang. Mit 4:07:19 Minuten wurde sie Zehnte. Ein Jahr später wurde sie vor heimischen Publikum in Eugene Junioren-Weltmeisterin über 3.000 Meter in 8:58:48.


Am anderen Ende der Altersskala steht Treniere Moser aus Ohio (geb. 1981), die 2013 zum Team stieß und sich in diesem Jahr auch ihren vierten nationalen Titel über 1.500 Meter holte. Ihre Bestzeit über 5.000 Meter stammt ebenfalls aus 2013 und liegt bei 15:11:00 Minuten. 2015 verbesserte sie ihre 1.000-Meter-Zeit nochmals auf 2:37:53 min.


Shannon Rowbury (geb. 1984) aus San Francisco schloss sich 2013 dem Oregon Project an. Sie stand schon bei den Olympischen Spielen von Peking im Finale über 1.500 Meter, ebenso wie 2012 in London. Sie hält aktuell den US-Rekord über ihre Hausstrecke in 3:56:29 min, den sie 2015 beim Diamond League Meeting in Monaco lief.


Dathan Ritzenhein (geb. 1982) trainierte seit 2009 unter Albertos Fittichen und erreichte in diesem Jahr einige seiner Bestleistungen: z.B. 5.000 m in 12:56:27 min (ehemaliger US-Rekord); 10.000 m in 27:22:28 min; Halbmarathon in 1:00:00 h. Seine Marathon-Bestzeit lief er 2012 mit 2:07:47 h in Chicago. Er verließ das Team 2014, um näher an seiner Heimatstadt Rapid Falls in Michigan zu leben. Er wird jedoch weiterhin von Nike gesponsert.


Weiterhin im Team sind u.a. Shalane Flanagan (geb. 1981) mit einer Marathon-Bestzeit von 2:21:14, die sie 2014 beim Berlin-Marathon erreichte, und der Olympiateilnehmer über 1.500 Meter Matthew Centrowitz Junior (geb. 1989).


Chefcoach und Project Director Alberto Salazarselbst hat aus gesundheitlichen Gründen beschlossen, seine Rolle etwas einzuschränken, und holte sich dafür zur Unterstützung schon 2008 als eventuellen Nachfolger an der Spitze des Oregon Project den Crosslauftrainer Jerry Schumacher von der University of Wisconsin in Madison, der wiederum seinen Topläufer Matt Tegenkamp (sub-13-min über 5.000 m), Chris Solinsky (sub-27-min über 10.000 m) sowie Evan Jager, den amtierenden US-Rekordhalter über 3.000 m Hindernis in 8:00:45 min mitbrachte.

Seit 2013 ist Alberto fest engagierter Berater des Ausdauerprogramms des britischen Leichtathletikverbands UK Athletics.


Die Vorwürfe ab dem 3. Juni 2015

Nach den sanktionslosen Auseinandersetzungen mit der nationalen Anti-Doping-Agentur USADA in den Jahren 2002 und 2006 gerieten das gesamte Oregon Project und seine Eliteläufer im Mai 2015 unter heftigen Beschuss durch Dopingvorwürfe in einem BBC-Bericht von Mark Daly(BBC Scotland Investigations & Panorama www.bbc.com/news/uk-scotland-32883946), in dem auf möglichen Missbrauch von verbotenen Steroiden und angeblich missbräuchliches Erwirken von Ausnahmegenehmigungen für Medikamente hingewiesen wurde.

Kurz darauf meldete sich ein ehemaliger Schützling Salazars, nämlich der inzwischen nicht mehr aktive Langstreckler Josh Rohatinsky (2007-2009 im Team), via Facebook zu Wort und bezeichnete die Leistungsentwicklung Galen Rupps als „höchst verdächtig“. Nach seiner Aussage drehten sich alle dopingrelevanten Aktivitäten während seiner Zeit beim Oregon Project einzig und allein um Rupp. Salazar hätte das Langstreckentalent systematisch wie durch eine „wall of separation“ – eine Trennmauer – vom restlichen Team abgeschirmt (Josh Rohatinskys Facebook-Post vom 5. Juni 2015, www.facebook.com/josh.rohatinsky/posts/944170108979640?pnref=story).

Auch die Marathonläuferin Kara Goucher, die das Team 2011 verließ, gab ein Statement ab und sagte, sie habe die Trainingsgruppe verlassen wegen Salazars unbedingten Erfolgswillens um jeden Preis, seiner leichtfertigen Haltung gegenüber TUEs [Ausnahmegenehmigungen zur Verwendung von Medikamenten auf der Dopingliste aus therapeutischen Gründen; d. Übers.], seiner Bereitschaft zur Missachtung von Anti-Doping-Regeln und […] der potenziellen Gefährdung ihrer [Gouchers] Gesundheit (http://blogs.denverpost.com/sports/2015/06/03/kara-goucher-left-nike-oregon-project-because-alberto-salazars-ignored-anti-doping-rules-she-says/27783/).

Goucher berichtete weiter, dass Salazar sie nach der Geburt ihres Sohns Colt zur Einnahme von Cytomel ohne ärztliche Verordnung gedrängt hätte, um ihr Schwangerschaftsgewicht loszuwerden. Cytomel ist ein synthetisches Thyroid-Hormon, das Menschen mit Schilddrüsenunterfunktion verabreicht wird. Goucher sollte das Medikament nach eigener Aussage von Rupp bekommen.


Die Reaktion
Salazar und Rupp gaben zwölf Stunden nach dem ersten Erscheinen der Berichte von BBC und ProPublica Stellungsnahmen ab: „Ich glaube an einen sauberen Sport und harte Arbeit, genauso wie meine Athleten“, so Salazar. „Offensichtlich interessiert das niemanden mehr. Ich bin sehr enttäuscht, dass die BBC und ProPublica und ihre ‚Reporter‘ sich von Personen mit eigenen Zielen haben einspannen lassen und zu solch ungenauem und gegenstandslosem Journalismus hinreißen ließen. Anstelle einer Darstellung der Fakten entschieden sie sich für Sensationsmache und Unterstellungen. Besonders traurig sind die Angriffe auf Galen und seine exzellente Reputation, die er sich durch Jahre harter Arbeit verdient hat.“
Rupp äußerte sich wie folgt: „Ich bin sehr von BBC und ProPublica enttäuscht. Ich engagiere mich für sauberen Sport und habe extrem hart für jeden Erfolg meiner Läuferkarriere gearbeitet. Ich habe diesen Reportern ausdrücklich gesagt, dass diese Unterstellungen unwahr sind und ihre Quellen eingestandenermaßen keine Belege hätten; trotzdem drucken sie „Verdächtigungen“ gegen mich und beschmutzen meinen Ruf. Das ist unentschuldbarer, unverantwortlicher Journalismus.“
Auch Nike veröffentlichte am betreffenden Abend ein Statement, dass sie die Andeutungen „sehr ernst“ nähmen: „Nike billigt den Einsatz leistungssteigernder Mittel in keinster Weise. Sowohl Alberto als auch Galen haben ihre Sicht der Dinge klargemacht und die gegen sie gerichteten Vorwürfe vollständig entkräftet.“


Eine USADA-Sprecherin äußerte sich ebenfalls umgehend schriftlich dahingehend, dass die „USADA alle Berichte bezüglich Dopings ernst nehme und aggressiv jeden Bericht weiterverfolge, um ihrem Eid, saubere Athleten und die Integrität des Wettkampfes zu schützen, gerecht zu werden.“ Die Existenz jedweder Nachforschung im vorliegenden Fall wurde weder bestätigt noch dementiert.
Im ProPublica-Bericht [www.propublica.org/article/former-team-members-accuse-coach-alberto-salazar-of-breaking-drug-rules] wird darauf hingewiesen, dass das Ehepaar Goucher keine direkten Beweise für Blutdoping oder den Einsatz von Testosteron beim Oregon Project hätten; über letzteren Punkt hatte der Ex-Trainer Steve Magness im ProPublica-Bericht gesprochen. Kara Goucher berichtete, Salazar hätte Rupp beigebracht, sich selbst Salzlösung über intravenöse Infusionen zu verabreichen, was für sich genommen nichts Illegales darstellt und auch keine Leistungssteigerung gebracht hätte. Es gibt jedoch diesbezügliche Einschränkungen seitens der Welt-Anti-Doping-Agentur, weil diese Methode von Athleten, wie dem in Ungnade gefallenen Ex-Radprofi Lance Armstrong, zur Verschleierung von Blutdoping verwendet wurde.
Es bleibt festzustellen, dass Rupp zu keinem Zeitpunkt seiner Karriere positiv auf verbotene Substanzen getestet wurde und z.B. 2013 keine der 28 (!) angeordneten Dopingproben verpasste. Des Weiteren heißt es in dem BBC-Bericht wörtlich: „There is no suggestion Farah has used banned drugs or violated anti-doping rules.“ (Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Farah verbotene Substanzen genutzt oder gegen die Anti-Doping-Regeln verstoßen hat.) Auch er hat  keinen einzigen Dopingtest versäumt.

Alberto Salazars offener Brief

In ungewöhnlich ausführlicher Form hat Salazar auf die Unterstellungen reagiert, nämlich in einem langen Brief (ca. 11.000 Wörter mit zahlreichen angehängten Belegdokumenten) vom 24. Juni 2015, in dem es unter anderem heißt:     
„Die Anschuldigungen im BBC-Bericht sind nachweislich falsch. Ich verlange hiermit, sofort einen Widerruf zu veröffentlichen!“ Demnach leidet sein Schützling Rupp unter Asthma und Schilddrüsen-Problemen. Der Vorwurf, Rupp nehme Medikamente zur Leistungssteigerung, sei „falsch und verletzend. […] Galen leidet Zeit seines Lebens unter schweren Allergien und Atemproblemen. Er nimmt Asthma-Medikamente, damit er normal atmen kann, nicht, um schneller zu laufen. Galen hat niemals ein unerlaubtes Mittel benutzt. Galen hat der USADA gegenüber alle Details zu seiner Asthma- und Allergiebehandlung offengelegt. 2013 lieferte Galen der Agentur mehr als 500 Seiten diesbezügliche medizinische Unterlagen, einschließlich der verordneten Medikation, die bis in den Mai 2001 zurückreichen. […] Die USADA hat diese Dokumente geprüft und stimmt zu, dass Galens Behandlung und die Einnahme der verordneten Medikamente dem WADA-Code und den Herstellerempfehlungen zur therapeutischen Anwendung entsprechen.
[…]
Meine Antriebskraft und Entschlossenheit als Sportler sind hinlänglich bekannt. Ich habe meinen eigenen Körper so weit getrieben, wie es nur möglich war. Ja, ich habe so hart trainiert und im Rennen so viel gegeben, dass es mich fast umbrachte, und ich leide noch heute unter den negativen physischen Auswirkungen meines exzessiven Trainings. Dieselbe Antriebskraft und Entschlossenheit habe ich auch als Trainer, ergänzt durch deutlich mehr Weisheit. Ich treibe meine Athleten zu Bestleistungen, aber ich werde ihnen nicht solche Schmerzen zufügen wie mir selbst.
[…]
Im Artikel heißt es, Galen hätte durch Manipulation des TUE-Systems für Ausnahmegenehmigungen zahlreiche TUEs für unterschiedliche Behandlungen erhalten. Diese Behauptung ist unwahr. Seit 2010 erhielt Galen zwei TUEs – beide für den kurzzeitigen Einsatz von Prednison gegen sein Asthma – eine davon im Juli 2011 bei den US-Meisterschaften und eine im Februar 2012. Seit dieser letzten hat Galen keine einzige TUE mehr bekommen. Das heißt 0 in 2013, 0 in 2014 und 0 in 2015. Außerdem hat Galen niemals eine TUE für eine IV-Behandlung [intravenöse Infusion; d. Übers.] genutzt. Kara Gouchers Behauptung, ich hätte Galen beigebracht, wie man an TUEs kommt, ist vollkommen falsch.
[…]
Galen ist einer der am härtesten trainierenden, ehrlichsten und aufrichtigsten Athleten, die ich jemals kennengelernt habe. Galen hat niemals eine verbotene Substanz eingenommen und den WADA-Code verletzt.“ (http://nikeoregonproject.com/blogs/news/35522561-alberto-open-letter-part-1)


Auch zum TUE-Missbrauch insgesamt bezieht Salazar eindeutig Stellung:

  • Athleten [des Nike Oregon Project] werden nicht zur Einnahme von Medikamenten gedrängt.
  • Nur bei 5 von den 55 Athleten [die ich professionell trainiert habe; d. Übers.] wurde eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreoidismus) diagnostiziert […]. Das sind 9,1%.
  • Nur bei 8 wurde ärztlicherseits exercise induced asthma [Belastungsasthma] festgestellt (14,5%).

Behauptungen, ich hätte Tests auf Belastungsasthma manipuliert, sind unwahr; unser Testverfahren entspricht dem Standardprotokoll, wie jede grundlegende Nachforschung zeigen würde.
[…]
Diese Zahlen zeigen, dass ich meine Sportler keineswegs zur nicht-induzierten Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente dränge, wie die Storys von BBC und ProPublica andeuten. Hier gilt wieder: Die Autoren von BBC/ProPublica wollen die Fakten vermeiden, die ihren Storys im Wege stehen.
Kara Gouchers Behauptung, man könne mit ein paar Erklärungen dem Arzt gegenüber eine TUE bekommen, ist absurd und eine Beleidigung des TUE-Verfahrens der USADA und der IAAF. […] Der TUE-Prozess der USADA und der IAAF ist sehr rigoros. Die Ärzte der betreffenden Sportler müssen mit dem TUE-Antrag substantielle medizinische Belegunterlagen einreichen. Die medizinischen Experten bei der IAAF und/oder USADA untersuchen diese Dokumente dann sehr eingehend. Das ist ein seriöser Vorgang mit einhergehender Prüfung und keineswegs ein bloßer Stempel, der leicht zu manipulieren wäre.
[…] in der ProPublica-Story überzieht der Verfasser das gesamte Oregon Project einer pauschalen Schmähung ohne Quellenangabe: „Einige Läufer sagen, unter ihnen kursiere der Witz, Schnelligkeit sei nur eine Voraussetzung für eine Aufnahme ins Team, man müsse auch Rezepte für Thyroidhormone [für die Schilddrüse; d. Übers.] und Asthmamedikamente haben.“ An dieser Unterstellung ist gar nichts witzig. Vielmehr ist es eine Herabwürdigung der Athleten des Oregon Project, einschließlich Kara Goucher, und hätte niemals gedruckt werden dürfen.“


[…]
Eine der primären Quellen für die Unterstellungen in der Berichterstattung von BBC und ProPublica ist Steve Magness. Dabei muss darauf hingewiesen werden, dass Magness eine ganze Reihe von Vorwürfen gegen und Falschaussagen über das Oregon Project und mich persönlich getätigt hat und dass er nirgendwo Dopingvorfälle während seiner Zeit beim Oregon Project anspricht – ganz einfach, weil es keine gab. […] Er hat absolut keine Grundlage für seine Behauptungen. Stattdessen tätigt er Meinungsäußerungen zu Angelegenheiten, die sich Jahre, bevor er zum Team stieß, ereigneten – einige sogar zu seinen Highschool-Zeiten!
Erhellend [in Hinblick auf seine Janusköpfigkeit; d. Übers.] ist seine Antwort auf die Frage eines Runners-World-Journalisten – Monate, bevor er „seinen Traumjob“ bei Nike verlor [laut Salazar wegen Inkompetenz im Umgang mit Elitesportlern; d. Übers.], „wie Mo Farah sich selbst nach seinem Eintritt ins Oregon Project zu solch konsistenten Höchstleistungen katapultieren konnte“:  
„Zuallererst denke ich, dass die Trainingspartnerschaft zwischen Galen und Mo von absolut überragender Bedeutung ist. Sie arbeiten einfach sehr gut zusammen. Zweitens trainiert Mo nach einem strukturierten Programm, in dem auch all die kleinen Details berücksichtigt werden. Ich betone es erneut: Da gibt es nichts Magisches, er bekommt einfach jetzt das, was in seinem vorherigen Programm fehlte, und das bringt ihn Schritt für Schritt weiter. Einer der wahren Schlüssel zu Mos Erfolg ist seine Trainingseinstellung, insbesondere in seiner Sportbeziehung zu Galen lässt er es nicht zu, dass ihm das eigene Ego im Weg stünde. Er hat nie versucht, zu viel zu trainieren, um trainingstechnisch zu früh zu Galen aufzuschließen.“
Auf die Frage, ob bei Galens lebenslanger Verbesserungskurve […] noch Luft nach oben wäre, antwortete Magness:
„Galen hat noch eine Menge Verbesserungspotenzial. Alberto hat hier einen erstaunlichen Job vollbracht mit seinem langfristigen, schrittweisen Ansatz; und es gibt noch einiges in der Trainingstasche, mit dem Galen schöne Verbesserung erleben kann.“ (www.runnersworld.com/elite-runners/brief-chat-steve-magness)


Auf die Frage, ob er sich eine langfristige Zukunft mit den Nike Performance-Laufgruppen vorstellen könnte, antwortete Magness:
„[…] das ist mein Traumjob. Ich bin Alberto und Nike eine Menge für diese Chance schuldig, also hoffe ich, mich genügend in die Entwicklung dieser Läufer einzubringen, um sehr lang hierzubleiben. Das ist der Ort, an dem ich sein will, und ich habe vor, alles Mögliche zu tun, um hierzubleiben.“
Magness’ Äußerungen in der Runner’s World im Juli 2011 stehen in direktem Widerspruch zu seinen jetzigen Andeutungen. Das vergessen die BBC- und ProPublica-Journalisten nach einem Jahr kostspieliger Recherchen zu erwähnen. Dieser Widerspruch ist auch für die Jahre 2011–2012 zu beobachten: Magness unterzeichnete 2011 einen Ein-Jahres-Vertrag mit dem Oregon Project, einen zweiten im Jahr 2012 – viele Monate nach den Vorfällen, die ihn angeblich so beunruhigten. Die Fakten des Trainingsprogramms haben sich 2012 nicht geändert. Was sich änderte, war Magness’ Vertrag: Er wurde nicht verlängert.“
Zu allen Vorwürfen von unzulässigen Testosterongaben und Nahrungsergänzungsmitteln äußert sich Salazar wie folgt:
„Athleten des Oregon Project dürfen nur legale Nahrungsergänzungsmittel einer beschränkten Herstellerzahl zu sich nehmen. Ich weise nachdrücklich daraufhin, dass alle Nahrungsergänzungsmittelgruppen getestet werden, bevor die […] Athleten sie bekommen.
Darüber hinaus sind alle Sportler im Oregon Project angewiesen, bei jeder Dopingkontrolle jedes einzelne Nahrungsergänzungsmittel, das sie verwenden, auf ihren offiziellen Dopingkontrollformularen der USADA bzw. IAAF anzugeben. Weder die USADA noch die IAAF hat jemals eines der Nahrungsergänzungsmittel in den Formularen des Oregon Project beanstandet.
Diese Aufzeichnungen demonstrieren mein Engagement sicherzustellen, dass Athleten des Oregon Project keine verbotenen Substanzen, auch nicht versehentlich, zu sich nehmen.
Die im Folgenden zusammengefassten Äußerungen Salazars basieren auf dem 2. Teil seines offenen Briefs (http://nikeoregonproject.com/blogs/news/35523713-alberto-open-letter-part-2):
„Das Ehepaar Goucher hat in den Berichten von BBC und ProPublica einige Behauptungen aufgestellt, die unwahr sind. Es sei darauf hingewiesen, dass weder Kara noch Adam trotz ihrer unwahren Unterstellungen jemals behauptet haben, ich hätte gegen den WADA-Code oder die IAAF Anti-Doping-Bestimmungen verstoßen.
Rund vier Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Colt postete Kara am 20. Oktober 2010 auf ihrem Blog, dass sie bereits 27 der 35 Schwangerschaftspfunde wieder abgebaut habe. http://karagoucher.competitor.com/page/4/
Am 24. März 2011 teilte mir Karas Ernährungsberaterin […] den Plan mit, mit dem sie Karas Wunschgewicht bis zur WM im Spätsommer erreichen wollten.
Am 25. März 2011 mailte ich ihrer Beraterin, dass ich die muskuläre Entwicklung in Karas Oberkörper und vielleicht auch in den Beinen begrüßte und dass ich vermeiden wollte, dass Kara ein Gewicht anstrebte, das nicht zu erreichen war.
Diese E-Mail wurde an Kara weitergeleitet […]. Die Ernährungsberaterin merkte an, dass ich Kara davon abriet, sich in der Woche vor dem Boston Marathon überhaupt zu wiegen.
[…]
Am 5. April 2011 mailte ich Kara […]: „Damit du es weißt, und ich übertreibe keineswegs: Ich bin total begeistert, wie durchtrainiert du bist! Jetzt hast du den Körper, der die Schläge des Marathons besser als je zuvor verkraften kann, und dein Motor ist größer als je zuvor! – Alberto.“
Diese Dokumente (die betreffenden E-Mails sind eingescannt und ausgedruckt auf http://nikeoregonproject.com nachzulesen) machen klar, dass ich begeistert von Karas Gewicht nach der Geburt war und ihr dies auch mehrmals mitteilte. Ich unterstützte ihre Bemühungen vollständig und wollte nicht, dass sie schneller abnahm. In Wahrheit wollte ich sogar, dass sie nicht [kursive Hervorhebung durch den Übersetzer] so schnell abnahm.
Cytomel habe ich Kara nur ein einziges Mal gegeben. Das war im August 2011 [bei der WM; d. Übers.] in Daegu, Süd-Korea. Und das tat ich auf ausdrückliche Anordnung von Karas Endokrinolen Dr. Brown.
Am 17. und 18. August 2011 erhielt Kara vor ihrer Teilnahme an der WM nach Rücksprache mit Dr. Brown Cortison-Injektionen zur Behandlung einer Verletzung.“
Alle E-Mails zwischen Salazar und der Ernährungsberaterin sowie Dr. Brown sind in den Anlagen zu Salazars offenem Brief nachzulesen und […] „belegen klar, dass ich [Alberto] Kara das Cytomel auf ausdrückliche Anweisung ihres Endokrinologen Dr. Brown gab. Ich gab Kara kein Cytomel zum Gewichtsverlust, wie sie nun behauptet.“

Auch zu den Vorwürfen bezüglich angeblicher Vergehen Galens bei der IAAF-WM 2011 in Daegu nimmt Salazar klar Stellung. Seine Äußerungen lesen sich im Wesentlichen dahingehend, dass „Ich in Daegu weder um eine Injektion noch eine Infusion bat, [und] Galen niemals eine TUE für eine Injektion oder Infusion erhielt.“ Dies habe auch der US-Teamarzt bestätigt, so Salazar.


Zu Adam und Kara Goucher äußert sich Salazar wie folgt:
„In den Stories von BBC und ProPublica heißt es, Adam und Kara wären nicht länger im Oregon Project.“ Es werde „impliziert, dies hinge mit ihren fälschlichen Behauptungen in den Berichten zusammen. Das ist nicht der Fall. Hier die wahren Begebenheiten:
2008 konnte sich Adam Goucher wegen einer ganzen Reihe von Verletzungen nicht für die US Trials qualifizieren. Mit einer Sondergenehmigung der USATF [USA Track & Field, der US-amerik. Leichtathletikverband] durfte er als 25. Läufer im Feld teilnehmen. […] Als Adam sich nicht für die Olympischen Spiele von Peking qualifizieren konnte, wurde er extrem emotional und feindselig unserer Rennplanung und mir gegenüber. Davon hat sich unsere Beziehung nicht mehr erholt.
Ich trainierte jedoch weiterhin Kara, und sie war auch weiterhin erfolgreich. Meine Beziehung zu Adam blieb angespannt, doch Kara und ich schafften es, das außen vor zu lassen. Auch Adam spielte eine große Rolle in ihrer Trainings- und Reiseplanung sowie anderen Dingen. Er beklagte sich dauernd. Schließlich eskalierte die Situation in Daegu, als Adam einen beleidigenden Wutanfall hatte. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Nach Daegu schrieb ich Adam per E-Mail wegen seiner Entgleisung und teilte ihm mit, ich würde seine Beteiligung an Karas Training nicht länger tolerieren; wenn dies für Kara nicht akzeptabel wäre, würde ich einen neuen Trainer für sie suchen. Kara erhielt eine Kopie dieser E-Mail […].“
Im folgenden E-Mail-Verkehr bestand Salazar auf einer strikten Trennung zwischen seinen Trainingsaufgaben und Adams organisatorischen Aufgaben wie Hotel- und Reisebuchungen etc.
Kara antwortete nach Salazars Aussage: „Alberto, ich liebe dich als Mensch und Trainer. Aber wenn du mich nicht mehr trainieren willst, lass es mich bitte wissen, damit ich überlegen kann, wie es weitergehen soll. Ich kann nicht noch so ein Jahr wie das letzte ertragen. Ich kann nicht genug betonen, wie gern ich von dir trainiert werde, aber solche Drohungen kann ich im Vorjahr der Olympischen Spiele nicht gebrauchen.“
Dazu Salazar: „Die Andeutung, ich hätte Kara gedroht, ist absurd. Ich wollte nur vermeiden, dass ihre Karriere scheiterte, weil ihr Mann mit meinem Ansatz nicht einverstanden war.
Nach meiner Rückkehr aus Brüssel traf ich Kara, und wir kamen überein, dass es das Beste wäre, wenn sich unsere Wege trennen und sie einen anderen Trainer finden würde. […] wir trennten uns als Freunde. […]
Diese E-Mails machen überdeutlich, warum ich Kara nicht weiter trainierte. Das hatte nichts mit den von BBC und ProPublica implizierten Gründen zu tun.
Eine ausführliche Stellungnahme Karas ist unter http://karagoucher.competitor.com/ einzusehen.
[…] Mir ist schleierhaft, warum sie [Adam und Kara; d. Übers.] diese unwahren Behauptungen über das Oregon Project, Galen und mich aufstellten. Es macht mich unsäglich traurig.
[…]
SCHLUSSFOLGERUNG
Wie oben dargestellt und durch die angehängten Belegdokumente untermauert, sind die Andeutungen in der BBC/ProPublica-Berichterstattung nachweislich falsch. Ich hatte beiden Medienunternehmen vor der Veröffentlichung mitgeteilt, dass ihre Storys falsche Informationen enthielten. Nun habe ich die Beweise dafür erbracht. Ich verlange hiermit von BBC und ProPublica einen sofortigen Widerruf der falschen Behauptungen.
Beim Verfassen dieses offenen Briefs habe ich viele Stunden mit der Durchsicht von Informationen aus den letzten 15 Jahren verbracht. Das hat viele Erinnerungen aufgefrischt und mich ein Fazit aus allem, was wir im Oregon Project getan und erreicht haben, ziehen lassen. Es ist unglaublich! Und ich bin sehr stolz über unseren Erfolg.
[…]
Leider wurden Galen und ich die Zielscheibe dieser ‚Reporter‘, um uns mit ihrer ‚Publish at all costs‘-Philosophie in den Schmutz zu ziehen. Damit haben sie unsere Reputation beschädigt. Die Karrieren unschuldiger Sportler wurden mit nichts als Unterstellungen, Hörensagen und Gerüchten befleckt. Man wollte mich damit trösten, dass öffentliche Angriffe wie diese in der heutigen Welt der Preis für den Erfolg wären. Wenn man siegt, wollen die Leute einen vom Sockel stoßen. Das ist nicht meine Welt! Das ist nicht das Oregon Project. Bei uns wird Erfolg durch Talent, harte Arbeit, Hingabe und Fair Play verdient … und so wird es auch bleiben. Lass die Hasser hassen; wir werden weiter Siege einfahren – durch harte Arbeit, Hingabe und Fair Play.
Ich hoffe, die werten Leser meiner Zeilen werden an die Verfasser der Berichte, die sie irregeführt haben, dieselben Forderungen nach Beweisen und Untermauerung stellen, wie sie an mich gestellt wurden.“

Abschließend noch einige Pro-Salazar-Aussagen von Seiten seiner Athleten:
Mo Farah am 13. September 2015, zitiert im britischen Telegraph, nach seinem erneuten Sieg beim Great North Run: „An meiner Loyalität zu meinem Trainer hat sich nichts geändert.“ (http://www.telegraph.co.uk/sport/othersports/athletics/mo-farah/11861782/Mo-Farah-confirms-he-will-remain-loyal-to-Alberto-Salazar-after-retaining-Great-North-Run-title.html)


Wie der britische Express am 26. Juli 2015 berichtete, wurde „der Doppelolympiasieger Mo Farah am 26. Juli 2015 im Rahmen der Untersuchung wegen Doping-Vergehens gegen Salazar fünf Stunden lang von der US-Anti-Doping-Agentur befragt. Die Befragung erbrachte keine Hinweise, er habe sich irgendetwas zuschulden kommen lassen.“ (http://www.express.co.uk/sport/othersport/593857/Olympic-champion-Mo-Farah-questioned-doping-authorities-Salazar-case?_ga=1.155308475.187178648.1442216849)


Galen Rupp wurde am 26. Juli 2015 nach seinem siebten US-10.000m-Titel in Folge im britischen Guardian dahingehend zitiert, dass „er fest hinter Salazars offenem Brief zu den BBC-Vorwürfen stünde.“ Galen wörtlich: „Ich stehe dahinter. Ich hielt ihn [den offenen Brief Salazars] für großartig und war wirklich vollkommen einverstanden mit seinem Inhalt.“ (http://www.theguardian.com/sport/2015/jun/26/alberto-salazar-watches-as-galen-rupp-claims-victory-in-eugene)



Glossar
Für alle Interessierten, die die Geschehnisse in den amerikanischen und britischen Originalquellen nachlesen wollen, hier ein Glossar der gängigsten Abkürzungen:
NADA = Nationale Anti-Doping-Agentur
NOP = Nike Oregon Project
PED = Performance-enhancing Drugs = Leistungssteigernde Substanzen
TUE = Therapeutic Use Exemption = Ausnahmegenehmigungen zur Verwendung von Medikamenten auf der Dopingliste aus therapeutischen Gründen
UKA = UK Athletics = Britischer Sportverband
UKAD = Britische Anti-Doping-Agentur
US Trials = US-Olympiaauscheidungswettkämpfe
USADA = US-amerikanische Anti-Doping-Agentur
USTF = US-amerikanischer Leichtathletikverband
WADA = Welt-Anti-Doping-Agentur